© 2019 IRINA KURTISHVILI

LOVE AFFAIRS

Solo Show / Gallery Kunstraub 99 / Cologne (08.06. –  07.07.2012)

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Dass Grenzen zu überschreiten auch zu Kurtishvilis Kunst gehört, erweist sich gerade in dieser Kölner Werkschau, die Arbeiten der vergangenen 20 Jahre und darüber hinaus umfasst, oft Werke, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach längerer Zeit erneut überarbeitet wurden. Sie zeigt Tuschzeichnungen aus frühen Jahren, Fotoassemblagen in voluminöser Rahmung, auf Quader montierte Collagen. Hinzu kommen bühnenbildartige Modelle, die wie Vorstudien zu einer Szenografie wirken und Architekturcharakter besitzen. So changiert die Ausstellung schillernd zwischen Fotografie und Zeichenkunst, Architektur und flach angelegtem Bildraum, Skulptur und Filmschaffen.

Exhibition views

LOVE AFFAIRS / series of collages, 2012 / various dimensions / framed 52 x 52 cm / gelatin silver prints' 1986 / cut-and-pasted printed paper, textile / collection of the artist / private collections 

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Die Fotos stammen oft aus dem Archiv der Künstlerin und zeigen eine Zeit unmittelbar vor der Perestroika. Das Grau in Grau scheint dem westlichen Auge den trüben Schleier widerzuspiegeln, der viele sozialistische Städte bis in die 1990er Jahre überzog. Sie kontrastieren mit aufgeklebten bunten Akzenten, die aus Modezeitschriften der 60er Jahre stammen, teils westlichen, meist sowjetischen Publikationen. Sie wirken wie anarchistische Explosionen vor einer staubigen, im Warteschlaf erstarrten Kulisse. Die überfeinert weibliche Mode jener Jahre stemmt sich gegen eine wesentlich profanere Realität und wirkt wegen ihrer Sinnlichkeit, ihres Verführungspotentials wie eine Bombe: diese Waren bergen ein erotisches Versprechen und sind zugleich Fetische einer damals verbotenen, heute unerschwinglichen kapitalistischen Warenwelt.

SOMETHING ABOUT LOVE / based on the short stories „Queremos tanto a Glenda y otros relatos” by Julio Cortázar, 1980 / series of 42 drawings / scenographic studies,

1985-86, each 21 x 29 cm / framed 30 x 40 cm / ink and gouache on paper / collection of the artist / private collections

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Cortázars am Film orientierter Text wird in eine explizit visuelle, filmische Sprache zurückübersetzt. Die an Matisse inspirierte Formensprache reflektiert Männerfantasien aus weiblicher Sicht und scheint in einer nach deutschen Maßstäben eher prüden Kultur einen kleinen Schock ausgelöst zu haben, da derartige Themen in der Öffentlichkeit eher nicht gezeigt werden und wurden. Tatsächlich müssen kurz nach der Ausstellung viele der Arbeiten im Besitz männlicher Dozenten verschwunden sein, die sie sich, man weiß es nicht, wohl als Boudoirstücke unter den Nagel rissen. Was für uns im Westen eher unschuldig wirkt, war in diesem speziellen kulturellen Zusammenhang wohl ein bisschen skandalös.

Exhibited at the Academy of Fine Arts Tbilisi, 1985 / White Gallery, Tbilisi, 2001 / Gallery Kunstraub 99, Cologne, 2012

PARIS, 12 KM / based on the novel „Skizze eines Unglücks / Tagebuch 1966 –1971” by Max Frisch / series of 50 drawings / sketches and storyboards, / ink on paper, cut-and-pasted printed paper / each 21 x 29 cm / 1988 – 2012 / collection of the artist / private collection, Geneva, CH

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So spielt der Plot Mann trifft Frau in Anlehnung an Filme von Godard als Subtext eine große Rolle auch in den Collagen. Dies zeigt sich auch in einer Zeichnungsserie nach Max Frisch, die an einem der Stenogramm-Romane des Schweizers orientiert ist: die Chronologie einer Trennung, die sich während einer Autofahrt nach Südfrankreich ereignet und in einen tödlichen Unfall mündet. Hier besucht Kurtishvili mit zwanzig Jahren Distanz die 1988 entstandene Serie, die mit Fotoelementen weiblicher Körper und Kleidung überklebt wird. So entsteht ein Dialog zwischen zwei Künstlerinnen, einer die war und vielleicht noch nicht sehr viel vom Leben wusste und einer die jetzt ist und ihre eigenen Wurzeln untersucht.

Exhibited at the “Painting Architecture”/ House of Cinema / Tbilisi /1991

 

Text by Wolfgang Till Busse